Gerd Heidbrink
Büro
Konstantinstr. 99
53179 Bonn - Bad Godesberg
Tel. 0228 - 36 21 20
Fax 0228 - 36 21 15

Unterricht
Deutschherrenstr. 46
53177 Bonn -
Bad Godesberg

Büro u. Unterricht
Josephstr. 22
50678 Köln - Altstadt Süd
Tel. 0221-31 00 991
info(at)heidbrink-segeln(dot)de

Im Sommer sind wir öfter auf Törn. Bitte benutzen Sie daher auch mein Mobiltelefon
0170-381 66 67.


Törnberichte

Gezeiten pur – Die Bretagne und die Kanalinseln 2011

Wir reisen also nach Cherbourg. Da liegt sie am Steg, ziemlich schlampig festgemacht. Eine Sun Odyssey 45, die ich schon oft gesegelt habe, ist ein absolut vertrauenswürdiges, solides Schiff. Wir klettern an Bord und, was man außen schon erahnen konnte, setzt sich innen fort. Das Schiff ist ziemlich schmutzig und voll von Gerümpel. Es stellt sich später heraus, dass die Yacht vor einigen Wochen von einer Atlantiküberquerung zurück kam, die Crew wohl „fluchtartig“ das Schiff verlassen hat und seither nicht geputzt oder aufgeräumt wurde.

Wir wollen segeln und so trübt das unsere Laune keineswegs. Statt auf eine Putzkolonne zu warten, kaufen wir noch etwas Putzzeug und nach einigen Stunden gemeinsamer Anstrengung, glänzt das Schiff. Die letzten Schmutznester entdecken wir während des Törns und beseitigen auch diese.

Bei dem Check stellt sich auch heraus, dass nur 3 alte Seekarten fremder Reviere an Bord sind und der Kartenplotter keinen Chip hat. Ein Ersatz kann vom Vercharterer nicht beschafft werden. Vorsorglich habe ich aber alle benötigten Seekarten und Handbücher dabei und so sind wir dann doch bestens für die Navigation auf unserem Törn gerüstet.

Unsere Sun Odyssey 45 ist eine 4-Kabinenversion mit jeweils 2 Kabinen vorn und 2 achtern. Stauräume gibt es auf dem Schiff genug, denn als Segler ist man ja ohnehin gewohnt, alles überflüssige zu hause zu lassen. Leere Taschen verschwinden im Auto. So haben wir uns bald wohnlich eingerichtet.

Haben Sie schon mal für einen 14-Tage Törn gebunkert, bei dem Tütensuppen und Aldi- Dosen verpönt sind? In 2 Etappen kaufen wir ein. Am Ende stehen 700 Euro für den Ersteinkauf auf dem Kassenzettel und es passt doch tatsächlich nicht alles aufs Schiff. Einige Getränke müssen an Land zurück bleiben.

 

Reiseroute
Reiseroute

Unser Segelrevier sollen die Kanalinseln und die französischen Häfen im Golf von St. Malo sein. Das Revier ist wunderschön, aber navigatorisch schwierig, weil hier die Gezeiten das Leben bestimmen und die sind beeindruckend. Ein Tidenhub von 12 m ist fast schon normal und auch die Gezeitenströme erreichen beeindruckende Geschwindigkeiten. Die erste Herausforderung ist das „Race of Alderney“, die Passage zwischen dem französischen Cap de la Hague und der Kanalinsel Aldereney.

Der französische Gezeitenstromatlas zeigt hier bei Spring Geschwindigkeiten bis 10 Knoten. Auf keinen Fall sollte die Passage bei vollem Strom passiert werden und alle Untiefen sind genau zu meiden, weil sich dort bei Wind brechende Seen und erhebliche Stromkabbelungen bilden können. Die Passage ist mit 4 Meilen Breite aber grundsätzlich gut zu passieren.

Wir benutzen für die ganze Reise hauptsächlich den britischen „Reeds – Nautical Almanac 2011“. Das legendäre Werk enthält alles, was ein Segler in diesen Gewässern benötigt. Die ersten 140 Seiten sind ein Lehrbuch über alles, was man in diesen Revieren wissen muss, von den Fahrregeln über die Gezeitenkunde und den Funk bis zur Ersten Hilfe.Dann folgen die Revierbeschreibungen, von der Spitze Dänemarks bis Gibraltar. Unser Segelrevier umfasst die Gebiete 18 Zentral-/Nordfrankreich, 19 Kanalinseln und 20 Nord – Bretagne. Der Reeds ist für Anfänger schwer zu lesen, weil er, um die unglaubliche Fülle an Informationen darbieten zu können, viele Abkürzungen verwendet. Man gewöhnt sich allerdings daran, weil der Aufbau immer gleich ist und man alles an gleicher Stelle wiederfindet. Die vielen Hafenpläne und Ansteuerungen sind ohnehin leicht verständlich.

Am Sonntag machen wir uns um 12.10 Uhr auf den Weg, passieren das „Race of Alderney“ und segeln in Richtung  Guernsey. Der Wind ist nicht beständig und so müssen wir zwischendurch ab und zu die Maschine anwerfen. Nebel kommt auf, aber da das Revier nicht stark befahren ist, droht trotz Sicht um die 100 m keine Gefahr. Vor Guernsey ändert der Strom seine Richtung und so machen wir einige Kreuzschläge um den Little Russel Channel zu treffen. In Guernsey empfängt uns schon an der Zufahrt zum Hafen ein Boot des Hafenmeisters, stellt unsere Länge und den Tiefgang fest und fragt, wie lange wir bleiben möchten. Der Wartesteg ist völlig überfüllt, denn für ein Einlaufen ist es noch zu früh. Die Wassertiefe über dem Süll ist noch nicht ausreichend. Außerdem ist der Victoria Harbour total überfüllt und einige hoffen noch auf freie Plätze. Wir rufen im Hafenmeisterbüro an und fragen, ob wir ausnahmsweise in den Queen Elizabeth Harbour wechseln dürfen. Das ist für große Schiffe durchaus möglich und unsere 45 Fuß zählen schon als groß. So machen wir kurz darauf längsseits an einer betagteren Motoryacht von ähnlicher Größe fest. Die „Seastar“ macht einen sehr seetüchtigen Eindruck und der freundliche Eigner nimmt unsere Leinen entgegen. Ich frage ihn später, woher er kommt. Aus Exeter von der anderen Seite des Kanals und auf meine Frage, wie lange er denn gebraucht habe über den Kanal, schmunzelt er und meint 3 ½ Stunden.

Auf Guernsey fährt man Bus. Die kleinen, flinken Busse fahren kreuz und quer über die Insel. Die beliebteste Linie ist diejenige, die rund um die Inseln entlang der Küste führt. Man kann sie im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn benutzen. Fahrpreis 1 £ (oder ca. 1,20 €). An der Westküste steigen wir an der Vazon Bay aus und nach einem Spaziergang landen wir im Garten des „Crabbby Jack“. Da gibt es hervorragende Fish and Chips und auch die Steaks sind von beeindruckender Qualität und Größe. Sehr reizvoll ist auch die Nachbarbucht Cobo Bay.

Am nächsten Morgen legen wir ab und segeln nach Sark, der größeren der beiden Nachbarinseln. Wir folgen der Empfehlung von John Frankland in seiner Broschüre „Sark – Round the Island“ und steuern nördlich der kleinen, privaten Insel Brecqhou durch den Gouliot Pass. In der weiträumigen Bucht La Grand Greve fällt der Anker. Es liegen schon eine ganze Reihe von Yachten dort, genauso wie in der kleinen Bucht Havre Gosselin an Mooring Bojen. Wir verbringen einen sonnigen Tag, gehen schwimmen. Zwischendurch wird es mal etwas unruhig, denn bei halber Tide sorgt der Strom für Kabbelwasser. Eine steile Treppe führt hinauf zu dem schmalen Weg La Coupee, der Sark mit Little Sark verbindet. Von dort hat man einen phantastischen Blick über Sark, das Meer und nach Herm und Guernsey. Wir bleiben über Nacht vor Anker. Die meisten Yachten haben die Bucht allerdings verlassen. Der Wetterbericht ist stabil und lässt keinen starken Westwind erwarten, so dass wir kein Risiko in dieser nach Westen offenen Bucht eingehen.

Am nächsten Morgen gehen wir Anker auf, segeln nur um die Südspitze der Insel in die Dixcart Bay. Diese Bucht ist fast noch schöner als La Grand Greve, kleiner, intimer, ein schöner tiefer Sandstrand. Sark kann man nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden. Autos gibt es nicht. Das Transportmittel ist der Traktor, nur für Lasten, oder die Pferdekutsche. Als wir später im Hauptort The Village ankommen, muss wohl gerade die Fähre angelegt haben. Die Passagiere haben ihr Gepäck in der Hand und marschieren stramm erstmal den steilen Weg vom Anleger zum Ort und dann weiter nach Hause. Da inzwischen auch die Sonne kräftig scheint, braucht man eine gute Kondition und die haben die Einwohner Sarks allemal.

Unser nächstes Ziel soll die Bretagne werden, konkret der Hafen von Paimpol.

Bei der Planung des Törns an den Küsten der Bretagne spielen die Gezeitenverhältnisse die bestimmende Rolle. Das Hochwasser ist zweimal am Tag, das Morgenhochwasser zwischen Mitternacht und 12 Uhr mittags, das Abendhochwassser entsprechend von mittags bis Mitternacht. In die meisten Häfen kann man nur in einem engen Zeitraum vor und nach Hochwasser einlaufen. Benutzen wir mal ein Wort aus der Fliegersprache und nennen dieses Zeitfenster einen „Slot“. Der Slot ist abhängig von den Wassertiefen in den Gewässern vor dem Hafen und dem benötigten Wasserstand im Hafen, denn der Hafen darf normalerweise nicht leerlaufen. Um dies zu verhindern gibt es Schleusen, oder ein Tor oder ein Süll (im englischen: sill). In den Karten und im Reeds ist die Höhe des Sülls als Kartentiefe über Null angegeben. Die Flut muss also erstmal die Höhe des Sülls erreichen und dann noch soweit steigen, dass man das Süll passieren kann. Das sind in St. Peter Port auf Guernsey z.B. 4,2 m trockenfallen plus ca. 2,5 m Tiefgang incl. Sicherheit unserer Yacht. Erst wenn 6,70 m als Höhe der Gezeit erreicht ist, können wir z.B. in das Hafenbecken der Victoria Marina auf Guernsey einlaufen.

Ein Blick auf die Karte von Paimpol zeigt, dass die gesamte Bucht, ein paar Meilen weit raus, trockenfällt. Der Hafen besitzt eine Schleuse und am fraglichen 4. August 2011 öffnet die Schleuse morgens von 08.40 Uhr bis 13.30 und dann wieder von 20.45 bis 01.55 Uhr.

Diese Information ist aus einer sehr praktischen Broschüre ersichtlich, die von www.guide-du-port.com herausgegeben wird. Jedem Segler in der Bretagne sei empfohlen, sich am Beginn der Reise reichlich mit allen Broschüren der geplanten Häfen zu versorgen, denn eine bessere Information gibt es nicht.

Andere Häfen haben kürzere oder längere Öffnungszeiten, der Hafen von Binic macht im August z.B. ein paar Tage gar nicht auf, andere Häfen sind ständig zugänglich. Was man bei der Planung bedenken muss, ist, dass das Hochwasser an allen Häfen etwa zur gleichen Zeit eintritt. Man hat also entweder vielleicht eine Stunde von Hafen zu Hafen oder als Alternative 12 Stunden. Dazwischen gibt es nichts und die Taktik, die wir angewendet haben, werden wir gleich sehen.

Von Sark nach Paimpol planen wir eine Nachtfahrt, denn wir wollen mit dem Morgenhochwasser einlaufen und nicht spät nachts. Nach dem Auslaufen aus der Dixcart Bay am späten Nachmittag, überrascht uns der Wetterbericht mit viel Wind aus Süden oder Südwesten und Regen. Das passt nun gar nicht und so beschließen wir, das Ziel zu ändern und im strahlendem Sonnenschein nach Jersey zu segeln. Das klappt auch wunderbar und um 21 Uhr sind wir in St. Helier, dem Haupthafen fest.

Taktik? Wir wollen immer noch morgens in Paimpol ankommen und daher legen wir in Jersey in der nächsten Nacht gegen Mitternacht ab. Der Wetterbericht sagt W – NW 3 – 4  Bft. voraus. Beim Auslaufen ist doch noch etwas mehr Wind. So binden wir das erste Reff ein, da wir nachts keine aufwendigen Manöver mit einer noch nicht so erfahrenen Crew fahren wollen. Es klappt alles prima. Viele Leuchtfeuer sind in diesem Revier auszumachen und bei klarer Luft sind auch weit entfernte gut zu erkennen. Einige andere Schiffe verwirren uns etwas, denn sie führen Lichter, die nicht den KVR -  Kollisionsverhütungsregeln entsprechen. 3 rote Lichter und ein weißes Licht im Viereck gibt es in der KVR nicht. Außerdem verwirrt er uns auch noch mit hektischen Gebrauch eines Scheinwerfers. Wir passieren in etwas größerem Abstand.

Auf unserem Nachttörn sind wir zu schnell gesegelt und sind zu früh in der Bucht von Paimpol angekommen. Also suchen wir uns hinter einer kleinen Insel eine etwas tiefere Stelle am Rande des Fahrwassers und lassen um kurz vor 9 Uhr den Anker fallen. Jeder macht was er will, noch eine Runde schlafen, frühstücken, in der Sonne faulenzen. Es ist wunderbar still und der Blick über die Bucht beeindruckend. Wir sehen, wie sich die Bucht immer weiter mit Wasser füllt und so geht nach einiger Zeit der Anker wieder hoch und um kurz vor 12 Uhr machen wir in Paimpol fest.

Das Städtchen ist ein Ferienzentrum, viele Franzosen machen hier Urlaub. Paimpol hat eine wunderhübsche Altstadt, mit vielen kleinen Läden. Wir entdecken einen wunderbaren Bäcker, der außergewöhnliche Kuchen und Gebäckteile im Fenster präsentiert. Wir können nicht widerstehen.

Heute haben wir einen Geburtstag zu feiern und da gibt es natürlich ein festliches Diner mit allem Feinen, was die französische Küche zu bieten hat. Der Skipper geht einkaufen und kocht. Es gibt als Vorspeise eine große Platte „Fruit de Mer“, bestehend aus Austern, Meeresschnecken, die erst noch gekocht werden müssen (20 min in stark gesalzenem Wasser, dann im gleichen Wasser abkühlen lassen) und einen Berg Crevetten. Als Hauptgericht gibt es vier große Wolfsbarsche, im Backofen auf Gemüsejulienne gedünstet, mit einer Soße, die nur aus dem Sud und ein bisschen Creme fraiche besteht. Vier Barsche zu filetieren dauert etwas, aber dann hat jeder seinen prächtigen Teller vor sich stehen. Der indische Basmati Reis dazu wird nach Großmutters Sitte im Bett gedämpft und ist wunderbar locker und duftig. Ein Schokoladenpudding rundet das Diner ab. Perfekt.

Als nächstes Ziel suchen wir uns Binic aus, ein bisschen weiter östlich. Aber es ist klar, dass wir das in einer Tide nicht schaffen werden, denn die Öffnungszeiten des Tores in Binic sind nur von 11.59 bis 13.33 Uhr. Zu kurz um den Weg von Paimpol hierher zu machen. Also legen wir schon wieder um Mitternacht ab und nach wenigen Meilen fällt der Anker an einer tieferen Stelle am Rande des weißen Sektors von Porz-Don Leuchtfeuer. Wir prüfen sehr genau, ob der Anker hält, denn wir wollen bis zum nächsten Morgen bleiben. Natürlich hält er und morgens können wir in aller Ruhe aufstehen, uns frisch machen und frühstücken, bis um 09.30 Uhr der Anker aufgeht.

Da das Hochwasser in allen Häfen entlang der Nord-Bretagne etwa zur gleichen Zeit eintritt, wird eine Strategie benötigt, die das Anlaufen von Häfen ermöglicht. Es gibt  wenige Häfen, die ständig angelaufen werden können, weil sie im tiefen Wasser liegen und keinerlei Restriktionen unterliegen. Dies sind St.-Quay – Portrieux und Saint Cast- Le Guildo, unmittelbar vor St. Malo.

Auf dem Weg nach St. Malo kommt es mir in den Sinn, den Hafenmeister dort mal anzurufen, denn ich weiß, dass St. Malo ein sehr beliebtes Ziel für Yachties ist und daher in der Ferienzeit immer ziemlich voll ist. Und siehe da, der Hafenmeister hat nur ein Wort „complet!“. Es ist unmöglich einen Liegeplatz zu bekommen, weil in St. Malo eine Regatta stattfindet und alle Liegeplätze vollständig belegt sind. Also ändern wir den Kurs auf St. Cast – le Guildo und das entpuppt sich als hervorragende Alternative. Schon an der Einfahrt empfängt uns ein Motorboot des Hafenmeisters und geleitet uns zu einem Liegeplatz, der für die Größe unserer Yacht geeignet ist. Der Hafen wurde 2009 fertiggestellt und bietet alles, was ein Seglerherz erfreut. Einen Luxus wie in den Sanitäranlagen von St. Cast habe ich noch nie in einem Hafen erlebt. Die Benutzung dieser Anlagen ist im Liegegeld eingeschlossen. Man zahlt also keinen extra Obulus für die Duschen, wie das sonst in Häfen so beliebt ist, um das Liegegeld von 40 € pro Nacht  noch mal kräftig zu erhöhen. Die Liegegelder liegen im August übrigens überall in diesen Größenordnungen und damit weit unter dem, was im Mittelmeer üblich ist.

Die Bucht von St. Cast ist weitläufig, mit einem sauberen, tiefen Sandstrand, wie man ihn selten erlebt, sehr gut gepflegt, mit vielen Möglichkeiten für Kinder. Vom Hafen führt ein in den Felsen gehauener Weg, der wunderschöne Aussichten auf die Bucht bietet, in den Ort.

Nach zwei Tagen verlassen wir St. Cast und müssen so langsam an den Rückweg denken. Daher steht noch einmal Jersey auf dem Programm. In Jersey findet Mitte August, das „Battle of Flowers“ statt. Diese Blumenparade wurde erstmalig 1902 abgehalten, zu Ehren der Krönung von König Edward VII. Ganz Jersey beteiligt sich daran. Jede der 12 Gemeinden auf der Insel stellt einen großartigen Wagen, der überaus reich mit Blumen geschmückt ist und meist einem bestimmten Thema gewidmet ist. Dazwischen gibt es viele kleinere Wagen, Fußgruppen und Musikkapellen. Aber obwohl wir alle von der Pracht der Wagen tief beeindruckt sind, keimt doch eine Idee auf. Wir wünschen uns, dass der Zugleiter des Kölner Rosenmontagszugs mal Urlaub in Jersey machen möchte und etwas Ordnung in das Chaos der Wagen bringt, etwas mehr Gleichmäßigkeit in den Fluss der Gruppen und Wagen, eine thematische Ordnung. Und auch der Weg ließe sich durchaus variieren, denn heute findet die Parade auf einer vierspurigen Straße entlang der St Aubin Bay statt, hin und zurück und manche Gruppen tauchen gleich 3 oder 4 mal auf.

Jersey hat, ebenso wie Guernsey, ein dichtes Netz von Buslinien. In jedem Fall sollte ein Ausflug zu der Gorey Pier im Osten der Insel drin sein. Der Hafen fällt vollständig trocken. Entlang der Pier hat man 16 Leitern gebaut, an denen Yachten anlegen könnten. Wir haben keine gesehen, denn so einfach ist das nicht. Der Hafen fällt 6,90m trocken. Der Tidenhub beträgt bis zu 11 m und da will das Festmachen mit langen Leinen schon gekonnt sein. So lange Leinen gibt es üblicherweise auch auf keinem Charterschiff. Die Einheimischen segeln daher Kimmkieler oder Kielschwerter. Es ist faszinierend einer Yacht von ca. 30 Fuß zuzusehen, die gerade einläuft, sich durch die vielen Boote an Moorings durchschlängelt und in Richtung innerem Strand fährt. Sie müsste doch schon längst festsitzen, aber nein, sie fährt immer weiter. Erst ein paar Meter vor dem Ende des Wassers am sanft ansteigenden Strand bleibt sie stehen. Ein Kimmkieler, wie sich später bei Niedrigwasser zeigt.

Wir sitzen im „Dolphin Hotel and Bar“ draußen an der Pier in der hellen Sonne. Diese Pier ist einer der besten Plätze auf der ganzen Insel. Immer in der Sonne, bis sie untergeht, eine große Zahl von Restaurants und Pubs und das Publikum ist einheimisch und manchmal eher von der knorrigen Art. Es scheint auch ziemlich trinkfest zu sein, dann das in Jersey gebraute dunkle Bier fließt in Strömen. Die Jersey Austern schmecken ganz vorzüglich und wir bleiben, bis die Sonne endgültig unter gegangen ist.

Das Wetter auf unserem Törn ist erheblich besser als zur gleichen Zeit daheim in Deutschland. Die gesamten 2 Wochen wechselt das Wetter ziemlich schnell. Die Wetterkarte zeigt täglich neue kleine Fronten, die auftauchen und schnell weiterziehen. Sonne, ein paar kleinere Regenschauer, Wolken wechseln sich ab. Der Wind ist moderat, 25 Knoten scheint der höchste Wert in den 2 Wochen gewesen zu sein. Wir können aber immer segeln und die Maschinenstunden sind gering. Die Temperaturen überschreiten selten 18 Grad, aber als Segler ist man ja gut gewappnet und wirklich kalt ist es niemand. Einige gehen schwimmen, bei Wassertemperaturen um die 18 Grad.

Über Dielette wollen wir nach Cherbourg zurück. Dielette ist ein Hafen, der nach Westen geöffnet ist und grundsätzlich nicht bei Niedrigwasser angelaufen werden kann. Der Reeds gibt einige Details, die man sorgfältig lesen und beachten sollte, damit bei der Einfahrt nichts schief läuft. Man muss bei Ankunft die aktuelle Wassertiefe bestimmen und das geschieht mit den Methoden, die man nur beim Sportseeschifferschein gelehrt bekommt. Im Reeds steht ein Vermerk, der besagt, dass die Einfahrt in das äußere Hafenbecken, das selbst tidenunabhängig ist, auf Kartentiefe 0,0 m plus 0,5 m ausgelegt ist und bei einem Koeffizienten von kleiner als 55, die Einfahrt für Schiffe mit einem Tiefgang bis 2 m erlaubt. Was bedeutet das? Die Koeffizienten sind in Frankreich und England eine sehr praktische Sache, denn für jeden Tag des Jahres werden Spring- und Nippzeiten und alle Zeiten dazwischen genau voraus berechnet und in Koeffizienten festgelegt. So bedeutet z.B. der Koeffizient 70 den Mittelwert aller Tiden, 95 ist eine mittlere Springtide und 45 eine mittlere Nipptide. Die Maximalwerte liegen 2011 bei 118 und 31. Am fraglichen Tag liegt der Koeffizient für die Morgentide bei 74, also weit über dem angegebenen Wert von 55.

Also rechnen wir. Man muss nicht mit der Akribie rechnen, die der Sportseeschifferschein vorschreibt. Eine Annäherung ist durchaus erlaubt, wenn man genügend Sicherheitsabstand einrechnet. Ich errechne für das Niedrigwasser um 1320 Uhr eine Wassertiefe von 2.20 m. Bei 2 m Tiefgang des Schiffes wären 20 cm Sicherheit bei Westwind eindeutig zu wenig. Aber wir werden eine Stunde später dort ankommen und zu dieser Zeit ergeben sich ca. 3 m und das reicht. Also los, sehr langsam fahren wir in Richtung der Einfahrt und beobachten den Tiefenmesser. Es herrscht ein bisschen Schwell in der Einfahrt. Als die kritische Stelle kommt, das Schiff durch den Westwind ohnehin etwas Fahrt macht, lege ich sogar rückwärts mit Leerlaufdrehzahl ein, um ganz sicher zu sein. Plötzlich ein leichtes Kratzen am Grund in der Welle und sofort gehe ich auf voll rückwärts und fahre wieder aus der Einfahrt raus.

Tiedenhub von Dielette
Tiedenhub von Dielette

Wir ankern vor Dielette auf 7m Wasser und prüfen unsere Rechnung noch mal nach. Da offenbart sich schnell der Fehler. Ich habe vergessen die Stunde Unterschied zwischen MEZ der Gezeitentafel und MESZ der Bordzeit zu addieren. Zum ersten Mal auf diesem Törn ist mir dieser Fehler passiert. Um 1420, als wir einlaufen wollten, war Niedrigwasser und bei dem leichten Schwell konnte das natürlich nicht funktionieren.

Wir legen eine Mittagspause ein und warten ab. Jetzt wollen wir doch noch nach Cherbourg weitersegeln, weil der Strom im Race of Alderney ohnehin bald kentert. Um kurz vor 21 Uhr legen wir nach einem Törn von 65 Seemeilen von Jersey bis hierher im Heimathafen der „KOO2BOOL“ wieder an. Insgesamt sind wir fast 300 Meilen gesegelt und hatten trotzdem nie das Gefühl, zu hetzen.

Aber was bedeutet eigentlich der Name unserer Yacht „KOO2BOOL“? Wir fragen Franzosen. Die lachen und schlagen sich vor den Kopf. Eine Übersetzung bekommen wir nicht, aber es muss etwas mit dem Kopf zu tun haben. Würden wir die Yacht wieder chartern? Grundsätzlich ja, weil eine Sun Odyssey 45 ein ideales und sehr sicheres Schiff ist. In Sachen Abwicklung der Charter durch die Agentur und der Sauberkeit besteht allerdings erheblicher Verbesserungsbedarf.

 

Im Jahr 2012 haben wir die KOO2BOL noch einmal gechartert und sind eine etwas andere Route im Golf von St. Malo gesegelt.

2013 wollen wir von Zeebrügge in Belgien nach London

Navigation
Unser Revier ist bekannt unter dem Namen Golf von St. Malo. Es umfasst die Westküste der Halbinsel Cotentin in der Normandie, die Kanalinseln und die Küste der Nordbretagne.

Wir haben folgende Seekarten benutzt:

Imray  C 10   Western English Channel Passage Chart         1: 400.000
Imray C 33A Channel Islands                                                 1: 120.000
Imtay C 33B  Channel Islands and North Coast of France     1: 120.000
Imray  C 34   Cap d'Erquy to Ile de Batz                                1: 110.000
SHOM 7154  De L'ile de Brehat au Cap Frehel                        1:  50:000
SHOM 7155  Du Cap Frehel a la Pointe du Grouin                  1 : 50.000

Es gibt weitere Karten in größerem Maßstab, die bei Bedarf lokal erworben werden können.

REEDS Nautical Almanac 2011
Gezeitenstromatlas

SHOM 562 – Courants de Marée – Golf Normand-Breton

ersatzweise kann auch der REEDS benutzt werden.

Revierführer

John Lawson – North Brittany – Cherbourg to Ouessant and Channel Islands – Imray Second Edition 2008

John Frankland - SARK – Round the Island – A Yachtsman's Guide – Selbstverlag

Hafenführer von www.guide-du-port.com 2011 - auch in gedruckter Form. In diesen Hafenführern stehen auch Hinweise zu den Absaugvorrichtungen für Fäkalientanks, die in allen Häfen vorhanden sind.

Elektronische Seekarten
von Imray in der Ausgabe des N.V. Verlages Arnis. Die Seekarten sind Rasterkarten – Karte Nr. ID 20

Navigationsprogramm Chart Navigator Standard des N.V. Verlages

Netbook EEEPC 1000H mit Windows XP

Die elektronische Navigation mit. o.a. Mitteln verwende ich seit vielen Jahren, vor allem im Bereich des Englischen Kanals. Die Seekarten von Imray haben eine falsche Angabe zum Kartennull. Sie geben Mean Sea Level an, was in Gezeitengewässern unsinnig ist. Es ist nicht feststellbar, ob die Kartentiefen den üblichen Standards folgen, nämlich LAT Lowest Astronomical Tide. Auch N.V. konnte dazu keine Aussage machen.

Das Navigationsprogramm Chart Navigator Standard erfüllt die Anforderungen an die Navigation, ist allerdings erheblich verbesserungsbedürftig. Die Menüleiste ist wenig brauchbar, weil Windows Funktionen für die Navigation nicht benötigt werden. Der Zugriff auf die wichtigen Funktionen ist sehr umständlich. Es fehlt ein Fenster, das laufend die aktuelle Position und die Geschwindigkeit zeigt.

Wetterberichte
Ich verwende seit Jahren SEEWIS Regional vom Deutschen Wetterdienst in allen Revieren. Die Dateien sind klein und lassen sich daher auch im Ausland mit vertretbaren Kosten leicht herunter laden.

Die Yacht
Wir segelten eine Jeanneau Sun Odyssey 45 mit 4 Kabinen. Der Vertrag wurde durch die Agentur Nautic Tours in Haltern vermittelt. Die Yacht sollte in Dielette übergeben werden, lag tatsächlich aber in Cherbourg und wurde auch dort übernommen. Die Yacht war nach einer Atlantiküberquerung bei Übernahme stark verschmutzt und musste von uns geputzt werden. Einige kleinere Schäden konnten wir selbst reparieren. Es fehlten Seekarten und der Chip für den Kartenplotter. Die Segel waren in hervorragendem Zustand. Auch der technische Zustand der Yacht war sehr gut. Die Abwicklung des Vertrages durch Nautic Tours entsprach nicht den üblichen Standards. Es gelang uns nicht, vor Törnbeginn spezifische Informationen über unsere Yacht zu erhalten.